Wir trafen Frank während eines routinemäßigen Reifentests, und ich konnte nicht widerstehen zu fragen: „Darf ich eine Runde damit drehen?” Als ich aufwuchs, war ein solches Auto für mich nichts als ein Traum!
Dieser Mercury Marquis Brougham ist genauso alt wie ich – Baujahr 1977. Ich habe lange genug gelebt, um mir meinen Kindheitstraum zu erfüllen, während das Auto all die Jahre einfach unbeschadet überstanden hat. Dank der Seltenheit von Schnee in Texas ist es sogar dem Rost entgangen, der Autos in diesem Alter sonst meist zum Opfer fallen.
Eine kurze Geschichte des Mercury Marquis

Sein Design ist schlicht, aber edel. Ein standardisiertes Lenkrad, identisch mit dem vieler Modelle der Marken Ford, Mercury und Lincoln.
Das Dach ist mit Vinyl bezogen, das zur Karosseriefarbe passt. Es gibt nicht viel Chromschmuck, doch dieser fast sechs Meter lange Marquis Brougham wirkt trotzdem grandios. Das machte die dritte Generation des Marquis (eingeführt 1971) zu einem so bedeutenden Teil der Mercury-Modellpalette:
- Er machte Ende der 1970er-Jahre fast ein Drittel aller Mercury-Verkäufe aus.
- Amerikaner kauften rund 140.000 Exemplare pro Jahr.
- Coupés machten 10 % der Verkäufe aus, Kombis ein Viertel, der Rest waren Limousinen wie diese hier.
- Die Ölkrise der frühen 1970er-Jahre beendete faktisch die Ära der klassischen amerikanischen „Full-Size”-Autos.
- Bis 1977 hatten General Motors und American Motors die Produktion von Full-Size-Limousinen bereits eingestellt – nur Ford, Lincoln und Mercury hielten durch, und das auch nur noch für zwei weitere Jahre.

Die Sitze sind weich und unbequem – die geschwungene, „radförmige” Rückenlehne stützt die Schultern nicht.

Das dicke Lenkrad zu drehen macht deutlich mehr Freude, als schlicht einen bescheidenen Zündschlüssel zu benutzen. Der schwarze „Hut”, der sich nach unten erstreckt, dient als Schalter für die Warnblinkanlage.
Motor und Leistung: Was den Marquis 1977 antrieb
Die einzige krisenbedingte Neuerung der Marquis-Modellreihe von 1978 war ein „kleinvolumiger” 5,7-Liter-Motor (145 PS). Mit diesem Motor sanken die Fahrleistungen des über zwei Tonnen schweren Fahrzeugs auf das Niveau eines klassischen Lada: 0–100 km/h in 16,2 Sekunden. Mein Testwagen hingegen hat den „richtigen” Motor für einen Marquis:
- Motor: V8, 7,5 Liter (460 Kubikzoll)
- Leistung: 202 PS
- Drehmoment: 472 Nm
- 0–100 km/h: 12,5 Sekunden
Ausstattungslinien, Preise und Werksoptionen
Von drei verfügbaren Ausstattungslinien war dieser Brougham – zum Preis von 6.600 US-Dollar – das Modell der Mittelklasse. Zur Serienausstattung dieser Linie gehörten:
- Vordersitze mit getrennten Rückenlehnen und zwei Armlehnen
- Elektrische Uhr
- Fernbedienung zur Verstellung des linken Rückspiegels
- Schmutzfänger an den hinteren Radkästen
Käufer konnten zudem folgende Werksoptionen hinzufügen:
- Klimaanlage – 580 US-Dollar
- Kassettenradio mit Sendersuchlauf – 200 US-Dollar
- CB-Funkgerät

Für die manuelle Verstellung des linken Spiegels dient ein robuster Steuerknüppel.

Der schlichte, rechteckige Stil der Instrumente ist typisch für die siebziger Jahre.
Kofferraum und Komfort auf der Rückbank
Das Kofferraumschloss ist unter einem verschiebbaren Emblem versteckt, und im riesigen Handschuhfach befindet sich zudem ein elektrischer Verriegelungsknopf. Das angegebene Kofferraumvolumen beträgt großzügige 643 Liter, wobei ich vermute, dass diese Zahl das Reserverad nicht berücksichtigt, das auf dem „Podest” über dem Kraftstofftank montiert ist. Der Einstieg in den Fond erfordert etwas Mühe: Die Türöffnung ist oben schmal, und der Sitz ist nach hinten versetzt. Hat man sich aber erst einmal hineingezwängt und auf dem tiefen Velourteppich ausgestreckt, an das weiche Sofa zurückgelehnt, fühlt man sich als Mensch mächtig stolz – besonders in Amerika!
Die Türen verfügen über monumentale Metallfeuerzeuge und Aschenbecher. Die Sicherheitsgurte sind Automatikgurte, aber reine Beckengurte. Auch der Blick nach draußen kann schwierig sein, da die hinteren Säulen zu breit sind.
Die Sicht vom Fahrersitz aus ist dagegen ausgezeichnet. Schmale Säulen und ein breiter Innenrückspiegel helfen dabei (auch wenn dieses spezielle Fahrzeug auf den optionalen rechten Außenspiegel verzichtet). Voraus liegt eine gewaltige Motorhaube von etwa zwei mal zwei Metern, mit dem Kühleremblem als „Zielpunkt”.

Die Luftstromregelung ist eigenwillig: Beschlägt die Scheibe, muss der Hebel auf Defrost gestellt werden.

Das Handschuhfach ist ebenso massiv und breit wie der Mercury selbst.
Innenraumdesign und Armaturenbrett
Der im imperialen Stil gehaltene Innenraum ist nach heutigen Maßstäben zugegebenermaßen primitiv. Das „holzähnliche” Plastik am Armaturenbrett wirkt billig, und Schrauben sind an den auffälligsten Stellen sichtbar. Doch der Körper entspannt sich auf dem federnden Sofa, weich und knarrend wie ein Sessel vor dem Fernseher. Elektrische Bedienelemente steuern alles, einschließlich Höhe und Neigung der Sitzfläche – nur der obere Teil der Rückenlehne bleibt ungestützt. In der Mitte der Rückenlehne befinden sich zwei umklappbare Armlehnen; klappt man sie herunter, kann ein dritter Passagier Platz nehmen. Der breite Getriebetunnel schränkt jedoch die Beinfreiheit ein, und es gibt nur einen nicht aufrollbaren Beckengurt.
Selbst für einen großgewachsenen Fahrer bleibt hinter dem Lenkrad genug Platz. Ich hätte die Lenksäule gerne zu mir geneigt, doch der Erstbesitzer dieses Marquis verzichtete auf die optionale sechsfache Verstellung. Das Lenkrad mit Lederbezug und metallenen Tempomat-Tasten ist dünn und hat mit nur 380 mm einen kleinen Außendurchmesser.
Die Tachometer-Ziffern reihen sich in einer Linie aneinander, wie beim „Kopeken” (WAS-2101), mit der Tankanzeige links davon. Weitere Anzeigen gibt es auf dem Werksarmaturenbrett nicht. Ursprünglich saß rechts im Armaturenbrett eine elektrische Klapp-Ziffern-Uhr, doch der jetzige Besitzer hat sie gegen deutlich nützlichere Retro-Anzeigen für Kühlmitteltemperatur und Öldruck ausgetauscht. Ansonsten ist die Ausstattung selbst nach heutigen Maßstäben luxuriös – wenn auch fast alles davon, einschließlich getönter Scheiben und Tempomat, Sonderausstattung war. Elektrische Fensterheber in den rahmenlosen Türen gehörten jedoch zur Serienausstattung und sind bemerkenswert schnell, mit metallenen Wippschaltern, die aussehen, als würden sie einen Atomkrieg überstehen.

Der Fond ist sehr geräumig und gemütlich, doch es gibt keine mittlere Armlehne und nur zwei Sicherheitsgurte, beide auf Beckenhöhe.

Die vorderen Sicherheitsgurte besitzen je zwei Automatikaufroller (einen pro Gurtband), und die Schlösser erinnern an jene aus Flugzeugen.

Provokant billiges „holzähnliches” Plastik trifft direkt auf robuste Metallschalter.
Den Marquis starten: Bedienung und erste Eindrücke
Links vom Lenkrad befindet sich der Lichtschalter. Zieht man ihn ganz bis zur zweiten Position heraus, öffnet der Vakuumaktuator mit einem leisen Zischen die Klappscheinwerferabdeckungen aus Gussaluminium. Dreht man weiter, schalten sich die Innenraumbeleuchtung und die vordere Fußraumbeleuchtung (ebenfalls Sonderausstattung) ein.
Direkt darunter befindet sich der schwere Metallhebel des Scheibenwischers. Der linke Wischer arbeitet mit einem Parallelogramm-Mechanismus, der die Bürste zur Windschutzscheibensäule „trägt”, und in Parkstellung wandern die Bürsten langsam unsichtbar unter die Motorhaube – für seine Zeit eine fortschrittliche Lösung.
Zum Starten dreht man nicht einfach einen Schlüssel, sondern den massiven Knopf des Zündschlosses, in das der Schlüssel gesteckt wird. Als Erstes meldet sich der Öldruckwarnsummer. Ist der Motor kalt, zieht man den „Choke”-Hebel rechts vom Lenkrad – erinnert sich noch jemand, was eine Vergaser-Luftklappe ist?

Der Motor des Marquis brummt mit einem tiefen, kehligen Grollen. Die Auspuffrohre führen beidseitig unter den hinteren Kotflügeln heraus, und steht man hinter dem Fahrzeug, hört man das abwechselnde Zünden der Zylinder des robusten V8. Bums links, Bums rechts – rhythmisch, gleichmäßig, und jeder Takt sendet eine wohlige Resonanz durch die Brust.
Ich ziehe den Automatikhebel zu mir und nach unten, bis der kleine Zeiger im Armaturenbrett mit dem Buchstaben „D” übereinstimmt. Wir fahren geschmeidig los, und sobald wir 20 km/h erreichen, fühlt es sich an, als würden wir über die Straße gleiten oder schweben.
Tritt man aufs Gas, verstärkt sich zunächst nur das Grollen des Motors. Erst nach einer kurzen Pause leitet die dreistufige Select-Shift-Automatik das Drehmoment an die Räder. Die Gangwechsel sind minimal – so „lang” ausgelegt, dass der erste Gang fast bis 100 km/h dreht und der zweite über 160 km/h hinausreicht. Die Laufruhe ist außergewöhnlich, und wie sich die Motorhaube beim Beschleunigen anhebt, ist sehenswert.

Das Coupé war 100 US-Dollar günstiger als die Limousine, wird heute aber anderthalbmal höher bewertet.

Der Marquis Kombi wurde nur in der einfachsten Ausstattung angeboten, konnte aber gegen Aufpreis mit „hölzerner” Seitenverkleidung bestellt werden.
Fahrkomfort, Handling und Lenkgefühl
Die Straße ist eben, dennoch schaukelt der Marquis sanft in alle Richtungen – zunächst irritierend, doch bald findet man darin einen ganz eigenen Reiz. Amerikanischer Stil eben! Die Federung ist unglaublich weich; drückt man auf den Kotflügel, „sackt” der Wagen mühelos um einige Zentimeter ab. Für den Marquis existieren Schlaglöcher schlichtweg nicht, und die hochprofiligen Reifen auf bescheidenen 15-Zoll-Rädern schlucken jede Fuge und jeden Riss in der Fahrbahn.
Von Anschlag zu Anschlag braucht das Lenkrad 4,2 Umdrehungen, doch die Reaktion ist deutlich „dumpfer”. Bei einer 90-Grad-Kurve muss man es fast eine ganze Umdrehung drehen. Lenkwiderstand? Vollständig abwesend – das Rad dreht sich so leicht und leblos, als wäre die Lenksäule mit gar nichts verbunden.

Der Kofferraum ist unpraktisch: tief, aber kurz, und die Ladehöhe ist enorm.

Die Abdeckung öffnet sich, wenn Abblend- oder Fernlicht eingeschaltet wird; die Scheinwerfer haben eine symmetrische Lichtverteilung.

Der Schwebe-Effekt: Wie es sich wirklich anfühlt, ihn zu fahren
Schaltet man mit dem Hebel rechts die Klimaanlage ein, trifft ein kräftiger Schwall kalter Luft das Gesicht und löst einen von der Realität ab. Man wird völlig vom Fahrzeug entkoppelt – jede Lenk- oder Pedaleingabe verschwindet irgendwo darin und taucht erst ein oder zwei Sekunden später wieder auf. Bald fühlt es sich an, als gäbe es gar kein Auto mehr; man fliegt einfach, getragen von einer magischen Kraft. Levitation!
Erst Kurven holen einen zurück auf den Boden der Tatsachen. Das weiche, „überassistierte” Bremspedal muss weit vor einer Kurve betätigt werden. Die sofaartigen Sitze halten den Körper nicht gut, und selbst bei mäßigem Tempo lehnt man sich unweigerlich zur Seite. Die Reifen quietschen protestierend, und die Karosserie neigt sich dramatisch.
Aber andererseits – wie viele scharfe Kurven gibt es schon in den USA? Dies ist das Land der Interstates, und jetzt verstehe ich, warum ihre Fahrspuren so breit sind.

Warum der Marquis den Geist des Amerikas der 1970er-Jahre einfängt
So wie man in jedem Land den einheimischen Wein trinken sollte, sollte man in Amerika seine Autos fahren. Die „Vereinigten Automobilstaaten” haben sich seit den Siebzigern kaum verändert. Man braucht dort noch immer Fahrzeuge, die Hände und Beine nicht mit übermäßiger Kraftanstrengung ermüden, und Federungen, die den grob gefugten, geriffelten Beton der Highways schlucken und nach dem gelben Schild „Rough Road” nur leicht ins Schaukeln geraten. In einem „Full-Size”-Wagen wie diesem verspürt man unweigerlich den Drang, Amerika von Küste zu Küste zu durchqueren, in eingeschossigen „Pappkarton”-Motels haltzumachen, Burger und Cola zu essen und die Abende im Autokino zu verbringen.
Was kostet ein Mercury Marquis heute?
Allein oder zu zweit in einem sechs Meter langen Auto zu fahren, ist zugegebenermaßen der Gipfel des Egoismus. Kein Wunder also, dass dieser Marquis bereits 1979 durch ein völlig neues, kompakteres und sparsameres Modell ersetzt wurde. Heute lässt sich eines dieser Schlachtschiffe aus den 60ern und 70ern erstaunlich günstig erwerben. Erinnern Sie sich, wie Danila Bagrow in „Brother 2″ einen Cadillac De Ville für 500 US-Dollar ergatterte? Das ist durchaus realistisch. Hier ungefähr, was man auf dem aktuellen Markt erwarten kann:
- Durchschnittlicher Zustand: 1.000–2.000 US-Dollar
- Tadelloser Zustand: 6.000–7.000 US-Dollar

Der V8 mit 7,5 Litern Hubraum hat reichlich Platz unter der Motorhaube.

Der Tempomat besitzt einen mechanischen Vakuumaktuator, der das Drosselklappengestänge über eine Kette zieht.

Die Werbung pries eine überlegene Aerodynamik an – angeblich verschwinden die Wischer unter der Motorhaube, und die Hinterräder sind mit Blenden abgedeckt. Doch in Wirklichkeit liegt der Luftwiderstandsbeiwert (Cw) bei stolzen 0,53!
Foto von Nikita Gudkow
Dies ist eine Übersetzung. Den Originalartikel können Sie hier lesen: Никита Гудков поездил за рулем Mercury Marquis Brougham 1977 года выпуска
Veröffentlicht August 09, 2023 • 10 m zum Lesen