Man sagt, das Hüpfen zwischen schmutzigen Ladekabeln auf der Straße sei das Los von Nissan-Leaf-Besitzern. Doch an der städtischen Ladestation trifft man weitaus häufiger auf ein teures Elektroauto. Das eigene Kabel vor den Augen der Umstehenden abzurollen, ist die einfachste Methode zu zeigen, wer das längste hat. Anders als Tesla tarnt sich der Audi e-tron sorgfältig als gewöhnliches Auto, sodass das Anstecken zum Laden zu einem notwendigen Ritual wird, um sich selbst – und allen anderen – in Erinnerung zu rufen, was man eigentlich fährt. Mindestens alle paar Tage: Der Bordcomputer verspricht eine realistische Reichweite von 350 km.
Erster Eindruck: Das Problem mit den virtuellen Spiegeln
Beinahe wäre die Probefahrt gar nicht zustande gekommen. Nach nur zehn Minuten am Steuer wollte ich den e-tron am liebsten zurückgeben. Schuld daran sind die schicken virtuellen Spiegel – Rückfahrkameras, die ihr Bild auf tief angebrachte Displays in den Türen übertragen. Das Konzept mag in der Theorie funktionieren, doch Audis Umsetzung ist miserabel. Sie widerspricht einer der wichtigsten Regeln des sicheren Fahrens: weiter und breiter schauen. Die tief platzierten Bildschirme zwingen den Blick nach unten und erfordern ein ständiges Neufokussieren, was vom Verkehrsgeschehen ablenkt – das periphere Sehen wird praktisch lahmgelegt. Mir wird angst und bange.

Der von der Kamera erfasste Bereich ist für ein sicheres Manövrieren nicht breit genug, und man kann ihn nicht einfach durch eine Kopfbewegung erweitern. Es zeigt sich, dass die visuelle Kontrolle der Umgebung eine entscheidende Rolle für das Sicherheitsgefühl im Straßenverkehr spielt. Amerikanische Verkaufsberater haben mir erzählt, dass dortige Fahrer das Spiegelablesen größtenteils verlernt hätten und sich beim Spurwechsel allein auf den Toter-Winkel-Assistenten verlassen. Doch was, wenn man von der Elektronik nicht so verwöhnt ist und der Verkehr auf den eigenen Straßen weniger geordnet verläuft?
Meiner Meinung nach sollte diese Option schlicht verboten werden. Es ist wirklich nicht nachvollziehbar, wie eine derart unausgereifte Lösung für den öffentlichen Straßenverkehr zugelassen werden konnte. Trotzdem habe ich mich gezwungen, einen ganzen Tag damit zu leben, und mich in die Lage eines Käufers versetzt, der auf das Gadget hereingefallen ist – teils um meine eigene Anpassungsfähigkeit zu testen, teils um sicherzustellen, dass meine Kritik auf echter Erfahrung beruht und nicht nur auf dem ersten Eindruck.

Im Rückblick konnte mich der e-tron in diesem Punkt nicht vollständig überzeugen. Ja, man kann sich an die digitalen Spiegel gewöhnen, doch Gewöhnung macht sie nicht sicherer. Schnell entwickelt man die Gewohnheit, auf die Türdisplays zu schauen, doch das grundlegende Gefühl eingeschränkter Sicht lässt einen nie ganz entspannen – und das trübt den Genuss eines ansonsten überraschend agilen, positiven Autos. Mein Rat: Wer dieses Elektroauto wirklich genießen möchte, sollte auf die digitale Spiegeloption verzichten – oder besser gleich einen e-tron ohne Kamerasystem wählen.
Leistung und Beschleunigung
Ist man erst einmal unterwegs, will der e-tron-Fahrer unweigerlich aufs Tempo drücken, denn die Beschleunigung während der Fahrt ist der lohnendste Teil des Fahrerlebnisses. Ohne klassische Gangwechsel geschieht das Überholen augenblicklich – kein Ruckeln, kein Lärm, kein Drama. Dieser 2,5-Tonnen-SUV erledigt das Manöver in einem einzigen geschmeidigen Atemzug. Da ich bereits andere Elektroautos getestet habe, kenne ich die beruhigende Wirkung der Stille: Man kann den ganzen Tag aggressiv fahren und kommt trotzdem mit mehr Energie an als in einem Verbrenner, einfach weil das ständige Grundrauschen unzähliger Überholduelle nie an den Ohren zehrt.
Ampelstarts sind kniffliger. Werden beide Pedale gleichzeitig betätigt, aktiviert sich der Boost-Modus, eine Art Launch Control: Die Leistungsanzeige springt auf die 50-Prozent-Marke, während der e-tron von den Bremsen gehalten wird. Der daraus resultierende Ruck beim Start ist kräftig genug, um mit etwas Glück die versprochenen 5,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h auf einem Racelogic-Zeitmesser zu erreichen.
Wichtigste Leistungsmerkmale:
Zu den Lademöglichkeiten des e-tron gehören:
- CCS-Anschluss (Fahrerseite): für DC-Schnellladung, kompatibel mit 50-kW-Schnellladesäulen bei Vertragshändlern; das elektrische System des Fahrzeugs unterstützt bis zu 150 kW
- Typ-2-Anschluss (Beifahrerseite): für AC-Laden mit bis zu 22 kW

Wie der e-tron in die Audi-Modellpalette passt
Es ist schon erstaunlich, wie es alle paar Jahre ein Audi-Modell schafft, mich kurzzeitig mit einer Marke zu versöhnen, die ich grundsätzlich als kühl und seelenlos empfinde. Der e-tron gelingt das sogar noch besser als der R8. Das liegt daran, dass sich der R8 stets wie eine unternehmerische Anomalie anfühlte, während der e-tron wie das natürliche Ergebnis zusammenlaufender Branchentrends wirkt. Es scheint, als hätte Audi systematisch alles Eigenwillige aus seiner Modellpalette entfernt, es zu einem einzigen nüchternen Standard destilliert und auf dieser neutralen Grundlage ein wirklich wettbewerbsfähiges Elektroauto für dieses vor-autonome Zeitalter herangezogen.
Es fällt schwer, den e-tron fair zu bewerten, ohne ihn direkt gegen den Mercedes EQC anzutreten. Doch hier eine Frage, die es wert ist gestellt zu werden: Wer heute auf der Suche nach einem klassischen urbanen Elektro-SUV ist – Tesla einmal außen vor gelassen, da er nach eigenen Regeln spielt –, käme dem überhaupt der Jaguar I-Pace in den Sinn? Ich bezweifle es. Und ich vermute, dass auch der Mercedes trotz seiner 80-kWh-Batterie einen schweren Stand um Aufmerksamkeit haben wird.

Fazit
Es ist frustrierend, wenn man in der Modellpalette einer Marke kein Auto findet, das einem wirklich gefällt – das lässt einen emotional auf Distanz zur ganzen Marke oder sogar zum gesamten Segment gehen. Professioneller Respekt ist die eine Sache, doch er entwickelt sich nur selten zu jener Verbindung, die das Herz eines Lesers zum Schwingen bringt. Was man wirklich will, ist echte Begeisterung und persönliches Engagement. Daher bin ich froh, dass mir der e-tron einen Grund gibt, wieder über Audi zu sprechen – und mich auch ein wenig darüber zu streiten. Zumindest über die Wahl der Spiegel.
Dies ist eine Übersetzung. Den Originaltext finden Sie hier: https://www.drive.ru/test-drive/audi/5f590df8ec05c4285a000020.html
Veröffentlicht September 01, 2022 • 6 m zum Lesen