Die Türkei ist vielleicht nicht das erste Land, an das man bei Nutzfahrzeugen denkt, doch die jüngsten Entwicklungen haben das Land für Fans und Branchenbeobachter deutlich stärker ins Blickfeld gerückt. Die Einführung der neuen F-Line-Baureihe von Ford Trucks und ein Besuch im Orthaus-Sattelaufliegerwerk nahe Istanbul zeigen, wie stark die Türkei inzwischen in der weltweiten Automobilindustrie aufgestellt ist.
Die türkischen Straßen haben sich verändert
Vorbei sind die Zeiten, in denen türkische Fernstraßen von Pferdewagen und alten Lastwagen mit roten Holzaufbauten und Planen geprägt waren. Heute zeigt sich auf den Straßen ein moderner Nutzfahrzeugbestand, darunter Fahrzeuge bekannter Marken wie Mercedes, MAN und IVECO, die direkt im Land produziert werden. Auch türkische Eigenmarken, die nach europäischen Standards entwickelt werden, richten sich zunehmend auf den Export aus.

Die neue schwere BMC-Tugra-Baureihe…

Die neue schwere BMC-Tugra-Baureihe…

…hat die BMC-Professional-Lkw abgelöst

BMC Professional
BMC Tugra und das, was von früher geblieben ist
Ein Beispiel ist die BMC-Tugra-Baureihe, ein weniger bekannter Name, der 2018 auf der IAA in Hannover debütierte. Die Fahrzeuge verbinden eigene Komponenten wie Kabinen und Vorderachsen mit zugekauften Aggregaten, darunter IVECO-Motoren, ZF-Getriebe und Meritor-Achsen. Anfangs nur als Sattelzugmaschinen vorgestellt, umfasst der Tugra inzwischen auch Kipper und gewinnt auf mehreren europäischen Märkten an Bedeutung, unter anderem in Belgien, Griechenland, Spanien und Polen.

Alter Mercedes Actros mit voller Ladung Recyclingmaterial.

Actros der neuen Generation mit lokaler optischer Anpassung
Trotz der Modernisierung sind auf türkischen Straßen noch Spuren der Vergangenheit zu finden, etwa ältere Lastwagen der Professional-Baureihe mit ihren schmalen keilförmigen Kabinen von Pininfarina. In ländlichen Gebieten begegnet man bisweilen noch alten BMC Fatih, den türkischen Gegenstücken sowjetischer KAMAZ, die heute mit Cummins-Dieselmotoren und Eaton-Getrieben ausgestattet sind.

Ford Cargo — noch mit dem ursprünglichen „englischen“ Kabinendesign…

…und in einer Ausführung mit moderner Kabine
Ford in der Türkei seit den 1960er-Jahren
Ford-Lkw nehmen in der türkischen Automobilgeschichte einen besonderen Platz ein, denn sie werden dort seit den 1960er-Jahren gebaut. Die bekannte Cargo-Familie, ursprünglich von der britischen Ford-Niederlassung entwickelt, hat alle damaligen Konkurrenten überlebt und wird bis heute in großen Stückzahlen in der Türkei und in Brasilien gefertigt.

Der neue Ford F-Line kann ein großer Verteiler-Lkw sein…

…oder zum Beispiel ein Kipper

Müllfahrzeug Ford F-Line
Die F-Line-Baureihe
Die jüngste Ford-Entwicklung ist die F-Line-Baureihe, benannt nach der Flaggschiff-Sattelzugmaschine F-Max. Sie umfasst verschiedene Fahrzeuge: Kipper, Verteiler-Lkw, Müllfahrzeuge und günstigere Sattelzugmaschinen. Die F-Line übernimmt die schmale, 2,2 Meter breite Kabine des Vorgängers, allerdings in überarbeiteter Form — weshalb sie den Spitznamen F-Min erhielt.

Das aktuelle Flaggschiff Ford F-Max ersetzte…

…die Fernverkehrsmodelle Cargo
Die F-Line-Motoren stammen weiterhin von Ford und leisten 330 bis 480 PS. Dazu kommen Getriebe von Ford oder von Marken wie ZF und Eaton, einschließlich automatisierter Ausführungen. Um die Vorschriften der Europäischen Union zu erfüllen, erhielten die Lastwagen eine ungewöhnlich große Zahl an Sicherheits- und Assistenzsystemen — insgesamt 13, darunter eine Alkohol-Wegfahrsperre und eine Bedienoberfläche mit Berührungsbildschirm. Ihr Europa-Debüt gab die Baureihe passend auf der Solutrans-Messe in Frankreich, direkt mit Blick auf den EU-Markt. In der Türkei war die Markteinführung für Februar 2024 vorgesehen.

Lastwagen des vergangenen Jahrhunderts aus dem Askam-Werk
Askam, der dritte nationale Hersteller
Zur türkischen Automobilgeschichte gehört auch der inzwischen verschwundene dritte nationale Hersteller Askam, dessen Wurzeln in den USA lagen. Das Unternehmen schloss vor langer Zeit, doch Lastwagen unter den Marken Dodge, Fargo und DeSoto tauchen gelegentlich noch auf den Straßen auf — mit einer Mischung aus alten Lizenzkabinen und modernen Motoren und Getrieben.

Die stilvollen Kleinbusse Karsan Jest+ besitzen Fiat-Dieselmotoren, auf Wunsch ein Automatikgetriebe und Einzelradaufhängung. Zum Programm gehört außerdem eine elektrische Variante, die gemeinsam mit BMW entwickelt wurde.
Busse: MAN, Neoplan und Temsa
In der Türkei geht es nicht nur um Lastwagen; das Land ist auch ein bedeutender Hersteller von Bussen. Bemerkenswert ist, dass heute sämtliche Reisebusse von MAN und Neoplan in der Türkei gebaut werden. Unter den einheimischen Herstellern fällt Temsa besonders auf: vom Zusammenbau japanischer Mitsubishi-Busse in Lizenz entwickelte sich die Marke hin zu weltweiten Maßstäben, etwa mit ihrem neuesten Wasserstoffbus, der gemeinsam mit dem portugiesischen Karosseriebauer Caetano entwickelt wurde.

Städtischer Doppeldecker der bei uns kaum bekannten Marke Akia. Auffällig sind die Fenster im Obergeschoss

Doppeldecker Güleryüz
Das Orthaus-Sattelaufliegerwerk
Trotz der starken heimischen Industrie zielte der türkische Busmarkt nie besonders offensiv auf Russland. Ford Trucks, das begonnen hatte, F-Max-Sattelzugmaschinen in Kaliningrad zu verkaufen und sogar zu montieren, zog sich auf Anweisung ausländischer Anteilseigner aus Russland zurück. Türkische Sattelauflieger wie jene von Orthaus, die ich bei einem jüngsten Besuch im Werk in Akyazı sah, haben für unseren Markt offenbar bessere Aussichten.
Hier steht Orthaus unter dem Einfluss deutscher Technik und Normen weiterhin für Qualität und Zuverlässigkeit. Ursprünglich war das Unternehmen ein deutscher Familienbetrieb, der in den 1920er-Jahren mit dem Anhängerbau begann. 2010 wurde Orthaus in der Türkei neu gegründet. Das neue Werk ist für bis zu 15 000 Einheiten pro Jahr ausgelegt, auch wenn die tatsächliche Produktion derzeit deutlich niedriger liegt.

Mehr als zweihundert Beschäftigte arbeiten im Orthaus-Werk und werden als auffallend gut gelaunt beschrieben — ein kultureller Gegensatz zu deutschen Fabriken, in denen viele Türken arbeiten, dort jedoch offenbar mit weniger Freude. Die aus verschiedenen europäischen Ländern stammenden Bauteile werden dank des milden Klimas im Freien gelagert, ein deutlicher Unterschied zur Praxis in Deutschland. Besonders stolz ist Orthaus auf seine KTL-Beschichtungsanlage, angeblich die größte der Türkei, sowie auf die robotisierte Lackieranlage, für deren Beschichtung zehn Jahre Garantie gegeben werden.

Sattelaufliegerproduktion bei Orthaus: Fertigung des Unterrahmens…

…über den Köpfen schweben fertige Aufbauten und Seitenwände…

…eine Pause „zur Mittagszeit“
Was auf unseren Markt kommt und zu welchem Preis
Die Sattelauflieger gelangen über Noworossijsk auf unseren Markt und decken unterschiedliche Segmente ab. Rund 60 % sind Planenmodelle, 17 % für Containertransporte vorgesehen und 13 % Kühlauflieger. Die restlichen 10 % entfallen auf andere Arten wie Kipper und Getreidetransporter. Daneben gibt es speziell für unseren Markt entwickelte Modelle — lange Fahrzeuge, darunter vierachsige Versionen, sowie einen 30-Kubikmeter-Kippsattelauflieger, der alle gesetzlichen Anforderungen erfüllt.

Unter den Orthaus-Sattelaufliegern gibt es auch Kipper…
Die Preise unterscheiden sich. Ein Orthaus-Kipper kostet beim Händler 6 Millionen Rubel, während ein Curtainsider zwischen 6,6 Millionen und 8,2 Millionen Rubel kostet, letzteres für ein langes vierachsiges Fahrzeug. Ein langer Kühlauflieger liegt zwischen 11 und 13,7 Millionen Rubel.

…darunter „türkische Tonar“, die für Russland vorgestellt wurden
Ein Markt, der an Tempo verliert
Trotz des breiten Angebots beginnt sich unser Güterverkehrsmarkt spürbar abzukühlen, verursacht durch Marktsättigung und Zinserhöhungen der Zentralbank. In der Türkei selbst ist die Lage kaum besser: Im Juni liefen die Verkäufe schwach, und bis Oktober wurden nur etwa 2 800 Lastwagen zugelassen — 3 % weniger als im Vorjahr und 1,7-mal weniger als im selben Monat in Deutschland. Deshalb richten die heimischen Hersteller ihren Blick hoffnungsvoll auf Europa.

In Istanbul werden Abfälle mit riesigen tonnenförmigen Sattelaufliegern transportiert
Foto: Maxim Tschernjawski
Dies ist eine Übersetzung. Den Originalartikel können Sie hier lesen: Was wir im Orthaus-Werk und auf den Straßen der Türkei Interessantes gesehen haben
Informationen nach Land
Veröffentlicht Mai 23, 2024 • 7 m zum Lesen