Es fällt schwer, sich nicht zu fragen, wie sehr sich Kias Produktplaner über das verpasste Timing ärgern. Aus Gründen, die unklar bleiben, hat die Marke den Start eines echten B-Segment-Crossovers in mehreren Märkten hinausgezögert, und der nur mit Frontantrieb erhältliche Rio X-Line sowie der Soul waren nie ein wirklicher Ersatz. Unterdessen brachte Kia in China, etwa zu der Zeit, als die Plattform des Hyundai Creta debütierte, still und leise das SUV KX3 auf den Markt. Seit 2016 hat sich der Creta nicht nur gut verkauft — er ist zu einem der meistverkauften Crossover seines Segments geworden und steht bereits vor einem Facelift zur Modellmitte.
Seltos vs. Creta: Gemeinsame DNA, unterschiedliches Plattform-Timing
Kia hat ein durchaus nachvollziehbares Argument: Der Seltos basiert auf der neueren K2-Plattform und gehört damit zur selben Familie wie der Ceed und der aktuelle Soul. Das verschafft ihm einen Vorsprung — der Hyundai Creta wechselt erst später im Jahr auf diese Architektur. Verbringt man dennoch Zeit mit dem Seltos, wird klar, dass das Auto ganz nach dem Vorbild des Creta konstruiert wurde. Die unteren Türschweller liegen auf die gleiche Weise offen, und kleine ergonomische Eigenheiten — etwa die Sonnenblende auf der Fahrerseite, die rund 7 cm vor der Windschutzscheibensäule endet — erinnern stark an das Schwestermodell.

Highlights bei Außen- und Innendesign
Wo der Seltos seinem „Bruder” voraus ist, ist das Design. Schmale Streifen der Standlichter ziehen sich bis zum Kühlergrill (über die Reparaturkosten nach einem kleinen Blechschaden denkt man besser nicht nach). Am Heck sorgen matte Chromakzente für optisches Gewicht, und die modernen Formen des Innenraums lenken gut von der Menge an hartem Kunststoff ab. Weiche Materialien finden sich nur dort, wo Hände und Ellbogen des Käufers natürlicherweise hinkommen — ein verbreitetes, aber deutlich erkennbares Muster der Kosteneinsparung.
Je nach Ausstattungslinie kann der Seltos konfiguriert werden mit:
- Einem 10-Zoll-Infotainment-Touchscreen
- Head-up-Display
- Belüfteten Vordersitzen
- Dem Fahrassistenzpaket Kia Drive Wise
- Dynamischer, mehrfarbiger Ambientebeleuchtung
Ausstattungslinien: Was man tatsächlich bekommt
Der Haken ist, dass nahezu alle oben genannten Features der Top-Ausstattung Premium vorbehalten sind. Niedrigere Ausstattungslinien verzichten sogar auf einen Regensensor. Noch enttäuschender: Der lange geforderte Fernstart des Motors ist nur in Kombination mit dem schlüssellosen Zugang erhältlich. Ein Druck auf die Schlüsseltaste startet den Motor für zehn Minuten und lässt die Klimaanlage in dem Modus weiterlaufen, in dem sie zuletzt eingestellt war — Scheibenheizung (einschließlich Windschutzscheibe), Sitzheizung (auch auf der Rückbank) und die beheizbare Lenkradheizung sind während des Fernstarts jedoch alle deaktiviert.
Innenraum und Praktikabilität
Der Seltos ist knapp 10 cm länger als der Creta — zum Vergleich: Selbst der Nissan Qashqai ist nur etwa 0,8 cm größer. Diese zusätzliche Länge zeigt sich vor allem im Platzangebot der Rücksitze: Ein großer Passagier kann bequem hinter einem großen Fahrer sitzen, wobei nur wenige Zentimeter Kniefreiheit übrig bleiben. Auch der Radstand wuchs um rund 4 cm. Der Kofferraum ist dagegen ein schwächerer Punkt — das optionale Vollwert-Reserverad hebt den Kofferraumboden an, und die Öffnung der Heckklappe liegt mit rund 1,75 m recht niedrig über dem Boden.

Motor- und Getriebeoptionen
Etwa die Hälfte der Seltos-Verkäufe dürfte auf den Einstiegsmotor mit 1,6 Litern Hubraum entfallen, erhältlich entweder mit einem manuellen Sechsgang-Getriebe oder einem klassischen Automatikgetriebe, jeweils kombinierbar mit Front- oder Allradantrieb. Diese 1,6-Liter-Varianten wurden speziell für den russischen Markt vorbereitet und gingen erst im Juni in Produktion. Die übrigen beiden Antriebsstränge stammen aus dem koreanischen und dem US-amerikanischen Modellprogramm:
- 1,6-Liter-Turbomotor in Kombination mit einem Doppelkupplungsgetriebe (DCT) — angesichts des Preisaufschlags dürfte diese Kombination selten bleiben
- 2,0-Liter-Saugmotor in Kombination mit einem neuen riemengetriebenen CVT (Variator)
Taugt das CVT etwas?
CVT-Getriebe haben nach wie vor ein Imageproblem — viele Fahrer halten sie allein deshalb für unzuverlässig, weil sie Beschwerden aus zweiter Hand gehört haben. Für Hersteller spricht jedoch einiges für CVTs: niedrigere Produktionskosten und bessere Effizienz. In der Praxis verhält sich das CVT des Seltos vernünftig. Es täuscht im ersten Drittel des Gaspedalwegs keine gestuften Gangwechsel vor, und die Kraftübertragung wirkt vorhersehbar. Beschleunigt man stärker oder überschreitet etwa 95 km/h, geht das CVT in eine feste, direkt wirkende Verbindung über. Langzeitzuverlässigkeit und Geländetauglichkeit sind Fragen, die eine kurze erste Ausfahrt nicht beantworten kann — wobei der Seltos mit einer gemessenen Bodenfreiheit von 17 cm ohnehin nie für ernsthaftes Geländefahren gedacht war.

Fahrverhalten, Handling und Lenkgefühl
Am Steuer wirkt der Seltos etwas reifer und gesetzter als der Creta — wahrscheinlich dank neu abgestimmtem Fahrwerk. Berichten zufolge war das ursprüngliche koreanische Fahrwerks-Setup unangenehm straff, weshalb die Ingenieure mit überarbeiteten vorderen Federn, Stoßdämpfern und einem neuen vorderen Stabilisator nachgebessert haben. Das Ergebnis ist etwas mehr Wankneigung in Kurven und weniger Präzision bei der Lenkreaktion, wobei die Lenkung selbst recht direkt ausgelegt ist: Eine Übersetzung von 12,8:1 bedeutet nur zweieinhalb Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag.
Fahrkomfort und Geräuschniveau
Der Federungskomfort ist solide, aber nicht herausragend. Glatte Straßen werden problemlos gemeistert, und die Federung absorbiert Energie ordentlich — verwöhnend ist sie jedoch nicht. Der Seltos überträgt mittelgroße Fahrbahnunebenheiten recht direkt, was darauf hindeutet, dass gröbere, unbefestigte Strecken nicht seine Stärke sein werden. Der akustische Komfort hingegen ist für einen preisgünstigen Crossover beachtlich: Bei 130 km/h bleibt eine Unterhaltung dank einer gut ausbalancierten Mischung aus Wind- und Reifengeräuschen problemlos möglich. Beim Beschleunigen ist der Motorklang zwar präsent, tritt aber schnell genug in den Hintergrund, um kaum aufzufallen.
Fazit: Sollte man den Kia Seltos kaufen?
Insgesamt präsentiert sich der Seltos als rundum stimmiger, wenn auch wenig aufregender Crossover. Nichts an ihm fällt wirklich negativ auf — er ist praktisch, angemessen komfortabel und fährt sich sicher und kompetent, ohne allerdings viel Charakter am Steuer zu zeigen. Die meisten Käufer in der Praxis werden ohnehin keinen Testbericht lesen, bevor sie sich entscheiden. Sie betreten den Autohändler mit einem bestimmten Budget im Kopf, sehen, dass das Auto gut aussieht, hochwertig verarbeitet wirkt und von einer vertrauenswürdigen Mainstream-Marke stammt — und das reicht in der Regel, um den Kauf zu besiegeln. Falls das auf Sie zutrifft, gibt es wenig Grund, Ihnen davon abzuraten.
Dies ist eine Übersetzung. Den Originaltext können Sie hier lesen: https://www.drive.ru/test-drive/kia/5e412e78ec05c41e7600013d.html
Veröffentlicht Februar 23, 2023 • 6 m zum Lesen