Im Jahr 1946, als die Welt aus dem Schatten des Zweiten Weltkriegs trat, nahm das renommierte britische Unternehmen Rolls-Royce die Produktion ziviler Fahrzeuge wieder auf. Zum Angebot gehörte ein direkter Nachkriegsnachfolger eines Vorkriegsmodells — der Wraith. Der gewaltige zwölfzylindrige Phantom III galt für die schwierige Nachkriegszeit sowohl in der Herstellung als auch im praktischen Einsatz als zu extravagant. Der Wraith, dessen Name „Geist“ bedeutet, war ein direkter Nachfahre des Modells 20/25 und als „Auto für den selbstfahrenden Besitzer“ konzipiert: vergleichsweise kompakt und leichter zu beherrschen als die kolossalen Phantom-Modelle, für deren Bedienung ein körperlich kräftiger und gut ausgebildeter Berufschauffeur nötig war.

Ein Rolls-Royce der Nachkriegszeit, und woher das „Silver“ kam
Der Nachkriegs-Rolls-Royce war natürlich keine bloße Kopie seines Vorgängers. Das Fahrgestell erhielt einen neuen Rahmen und eine überarbeitete unabhängige Vorderradaufhängung mit Schraubenfedern. Der verbesserte Reihensechszylinder mit seiner charakteristischen F-Kopf-Anordnung soll kräftige 125 PS geleistet haben — eine Zahl, über die der Hersteller traditionell lieber schwieg. Mehrere weitere kleinere Verbesserungen unterschieden das neue Auto vom Vorgänger. Und um den Wandel zu unterstreichen, ergänzte man den Namen um „Silver“: Aus „Wraith“ wurde „Silver Wraith“, ein weiterer Schritt auf der Leiter des Luxus.


Ein Fahrgestell, und eine Karosserie nach eigenem Geschmack
Wie bei Rolls-Royce üblich, wurde der Silver Wraith in erster Linie als Fahrgestell ohne Karosserie angeboten. Wohlhabende Käufer sollten einen Karosseriebauer beauftragen, eine Hülle ganz nach ihrem persönlichen Geschmack anzufertigen. Die meisten dieser Aufträge gingen an britische Karosseriebauer, die die schweren Kriegsjahre überstanden hatten. In unserer Geschichte allerdings wurde die elegante zweitürige Karosserie dieses Rolls-Royce vom berühmten französischen Atelier Franay gefertigt — im Auftrag des anspruchsvollen Schweizer Arztes Dr. M. Adel Latif, eines Mannes mit feinem Geschmack und beträchtlichen finanziellen Mitteln.

Blick auf den Fahrerplatz. Das Handschuhfach auf seiner Seite hat keinen Deckel.

Alle Sitze sind mit Leder bezogen. Das Sitzkissen des Fahrers ist leicht „beschnitten“, um das Schalten zu erleichtern; der Hebel des Vierganggetriebes befindet sich rechts neben dem Fahrer.
Zwei Radstände, und das Ende einer Ära
Bis 1951 war der Silver Wraith nur mit einem Radstand erhältlich: 3.226 Millimeter. Die „Langfahrgestell“-Version mit 3.373 Millimetern kam auf den Markt, nachdem Rolls-Royce Pläne für ein „großes“ Modell als Ersatz für die alternden Phantom entwickelt hatte. In der Zwischenzeit wurde der modifizierte Bentley Mk. VI zum neuen „kleinen“ Modell erklärt und mit einer standardisierten geschlossenen viertürigen Karosserie versehen. Dieser Übergang zum Modell „Silver Dawn“ markierte das Ende einer Epoche, in der alle Rolls-Royce — stattliche Limousinen ebenso wie sportliche Cabriolets — auf demselben Fahrgestell aufgebaut wurden und der Karosseriebauer die endgültige Gestaltung nach den Wünschen des Käufers übernahm.


Das Armaturenbrett ist aus Naturholz edler Sorten gefertigt. Die Instrumente sind symmetrisch in der Mitte gruppiert; Ölstand und Wassertemperatur des Kühlsystems werden gemeinsam auf einem Zifferblatt oben rechts angezeigt.
Carrosserie Franay aus Levallois-Perret
Die Carrosserie Franay wurde 1903 in Levallois-Perret, einem Vorort von Paris, vom Meisterhandwerker Jean-Baptiste Franay gegründet — genau zu Beginn des Automobilzeitalters. Innerhalb nur eines Jahrzehnts stieg das Unternehmen zu einem bedeutenden Namen im französischen Karosseriebau auf. Der Erste Weltkrieg unterbrach die Arbeit, und wie viele andere musste die Firma danach praktisch von vorn beginnen. Glücklicherweise war Jean-Baptistes Sohn Marius inzwischen erwachsen geworden und konnte ab 1922 die Leitung des Familienbetriebs übernehmen und ihn zu früherem Glanz zurückführen.
In der wohlhabenden Zwischenkriegszeit arbeitete die Firma mit Fahrzeugen der feinsten Marken der Welt, aus der Alten wie aus der Neuen Welt — darunter Hispano-Suiza, Packard, Duesenberg und Delage. Es überrascht daher nicht, dass Käufer von Rolls-Royce und Bentley, sofern sie nicht zu sehr an alten britischen Traditionen hingen, die Dienste des Ateliers gern in Anspruch nahmen.

Auf diesem Foto fallen besonders die glänzenden Chromdetails an den klappbaren Vordersitzen und das absenkbare Stoffverdeck auf. Hinten dürfte es etwas eng zugehen. Die Rückbank besitzt eine herunterklappbare Mittelarmlehne.
Eine Kundschaft, die wie altes Pergament zusammenschrumpfte
Das Unternehmen erwies sich als erstaunlich widerstandsfähig und überstand den Zweiten Weltkrieg ebenso wie zuvor den Ersten. Ende der 1940er-Jahre schrumpfte die Kundschaft jedoch in alarmierendem Tempo, wie altes Pergament. Der weltweite Übergang der Autohersteller zu selbsttragenden Karosserien entzog traditionellen Karosseriebauern einen großen Teil ihres Geschäfts. Verschärft wurde die Lage durch die Neigung der französischen Nachkriegsregierung, den eigenen Herstellern von Luxusautos das Leben schwer zu machen. Deshalb musste man Aufträge auf importierten Fahrgestellen annehmen — wie bei diesem konkreten Fahrzeug.

Die Innenverkleidung der Türen ist auffällig und aufwendig gestaltet und besteht aus demselben Leder wie die Sitze.
Zurückhaltung, und vier verchromte Säbel
Ende der 1940er-Jahre hatte die Mode greller Chromverzierungen, die ganze Karosserien bedeckten, Frankreich noch nicht vollständig erfasst, auch wenn Marius Franay ihr später durchaus verfiel. Beim Auto des Arztes waren die säbelartigen Leisten entlang der Kanten der vorderen und hinteren Kotflügel funktional begründet: Sie schützten alle vier Ecken vor kleinen Dellen und Kratzern. Abgesehen von diesen charakteristischen Details blieb glänzendes Metall auf ein Minimum beschränkt — Stoßfänger, der typische Rolls-Royce-Kühlergrill, ein schmaler Streifen entlang der Gürtellinie und vielleicht sonst nichts. Nun gut, dazu kamen noch die Ringe um Scheinwerfer und Windschutzscheibe. Zurückhaltend und stilvoll.

Die Frontgestaltung ist ausgesprochen französisch: Britische Karosseriebauer hatten sich damals noch nicht davon gelöst, separate freistehende Scheinwerfer zu verwenden und die Leuchten bündig in die Kotflügel zu integrieren. Die glänzenden verchromten „Krummsäbel“ über den Vorderkanten der Kotflügel kamen auch bei anderen französischen Ateliers zum Einsatz, besonders bei Figoni & Falaschi.

Der Motorraum ist sauber und geräumig. Der Reihensechszylinder besitzt 4.257 Kubikzentimeter Hubraum; über seine Leistung schwieg das Unternehmen traditionsgemäß mit vornehmer Zurückhaltung.
Der Innenraum, in dem Franay seiner Kreativität freien Lauf ließ
Wenn die Handwerker von Franay ihrer Kreativität irgendwo wirklich freien Lauf ließen, dann im Innenraum. Stilvolle Lederpolster, Furnier aus edlen Hölzern an Türen und Armaturenbrett, exquisite Beschläge — alles wurde mit einer typisch französischen Leichtigkeit ausgeführt, mit der weder die Engländer noch die Deutschen, einschließlich Erdmann & Rossi, und nicht einmal die Italiener mithalten konnten. Dr. Latif konnte mit seinem britischen Automobil voller französischer Eleganz vollkommen zufrieden sein.
Wie es für die französischen Karosseriebauer endete
Mitte der 1950er-Jahre mussten französische Hersteller, die noch versuchten, hochwertige Luxusautos zu bauen, der unvermeidlichen Realität ins Auge sehen und ihre Produktion einstellen. Die streng dirigistische Politik des Staates gegenüber der heimischen Autoindustrie machte die Herstellung von Autos mit mehr als zwei Litern Hubraum nicht nur unrentabel, sondern praktisch untragbar. Einer nach dem anderen verschwanden Hersteller von der Bühne, die sowohl die Weltwirtschaftskrise als auch den Krieg überstanden und schnelle, komfortable Autos gebaut hatten — Delage, Hotchkiss, Delahaye und Talbot-Lago.
Damit blieben den Karosseriebauern des Landes nur gelegentliche Aufträge auf importierten Fahrgestellen. Carrosserie Franay fertigte beispielsweise 1955 eine Serie von fünf Autos auf Basis des Bentley Continental. Später erhielt das Unternehmen einen etwas ironischen „Trostpreis“ — einen Staatsauftrag für eine repräsentative Limousine für den Präsidenten des Landes, aufgebaut auf dem Fahrgestell des damaligen Citroën 15CV. Dieses Projekt wurde zum letzten Meisterwerk der Künstler aus Levallois-Perret.

Von hinten betrachtet wirkt das Auto schlank und schnell. Die wenigen glänzenden Details verleihen dem Gesamtbild zusätzliche Eleganz.
Foto: Sean Dugan, Hyman Ltd.
Dies ist eine Übersetzung. Den Originalartikel können Sie hier lesen: „Silberner Geist“ auf französische Art: Rolls-Royce Silver Wraith by Franay von 1947 für einen Schweizer Arzt
Veröffentlicht Dezember 21, 2023 • 7 m zum Lesen