Sag niemals nie: Noch vor wenigen Jahren hätte mir die Vorstellung, die auffällige Harley-Davidson Breakout für einen längeren Test — sagen wir vier Wochen — zu übernehmen, wohl nicht mehr als ein sarkastisches Lächeln entlockt. Das Motorrad kam fabrikneu an, doch diese Flitterwochen dürften keineswegs die einfachste Phase im Leben dieses „amerikanischen“ Neulings werden. Keine Zugeständnisse an Größe und Klasse: tägliche Fahrten zur Arbeit, das Durchschlängeln durch den vierrädrigen Stadtverkehr und mindestens eine lange Reise sind nur der Anfang der „Freuden“, die diese junge Partnerschaft erwarten, bevor schließlich Prüfungen auf einer Teststrecke anstehen.
Der Kult um Harley-Davidson
Für mich hatte die amerikanische Marke immer etwas Mystisches, kaum Begreifbares: Eine derart glühende Liebe und Verehrung findet man bei keinem anderen Motorradhersteller. Rund um das Unternehmen ist eine ganze Industrie der Bewunderung entstanden — ein echter Kult, bekannt unter der Abkürzung HOG (Harley Owners Group). Dort legen angesehene Geschäftsleute und hochrangige Führungskräfte ihr „ziviles“ Leben ab, ziehen Lederwesten an, schmücken sich mit Totenkopfringen und achten genau darauf, dass neu hinzugekommene Novizen die Kultrituale korrekt vollziehen. Übrigens sind die Geschichten von unkontrollierbaren Motorrädern, die unterwegs Teile verlieren, nichts weiter als Machenschaften der Konkurrenz: Eine Harley kaputtzubekommen, erfordert schon gezielte Anstrengung.

Erster Eindruck: Überraschend leicht einzugewöhnen
Erstaunlicherweise brauchte ich nicht mehr als zehn Minuten, um mich an die niedrige und lange (2335 mm) Breakout zu gewöhnen — mit ihrem 240 (!) mm breiten hinteren „Fettreifen“ und dem 21-Zoll-Vorderrad sieht sie aus, als wäre sie direkt von einem Messestand gerollt. Die Fahrten von zu Hause ins Büro neben „gewöhnlichen“ Motorrädern und meine anfänglichen Sorgen um die Wendigkeit dieses Schlachtschiffs auf Stadtstraßen verschwanden beinahe ebenso schnell.

Handling und Fahrwerk: Schwer, aber berechenbar
Natürlich geschah kein Wunder — ein fahrfertiges Gewicht von etwas mehr als 300 kg und ein Radstand, der einer Limousine würdig wäre, machen aus diesem luxuriösen Vertreter der Motorradwelt kein handliches Naked Bike. Das Motorrad fühlt sich schwer und stattlich an, seine Reaktionen auf Richtungswechsel erfolgen allmählich und kontrolliert. Das für diese Klasse typische Fahrwerk glänzt nicht gerade mit Komfort und leitet zahlreiche Unebenheiten direkt an die Wirbelsäule weiter — wobei es schlimmer sein könnte. Immerhin gehören 130 mm Federweg an der Gabel und 86 mm am hinteren Monofederbein nicht zu den radikalsten Werten dieser Klasse.

Sitzposition: Für größere Fahrer ausgelegt
Die ungewöhnliche Sitzposition — ein fast gerader, etwa einen Meter breiter Lenker, ein weit hinten und amphitheaterartig angeordnetes Sitzpolster sowie weit nach vorn verlegte Fußrasten — schafft eine besondere Ergonomie, irgendwo zwischen Cruiser und einem Orang-Utan auf der Jagd. Diese Dreiecksarchitektur aus Lenker, Fußrasten und Sitz stellt ganz konkrete Anforderungen an den Fahrer:
- Für echten Komfort sollten Fahrer mindestens 180 cm groß sein
- Kleinere Fahrer könnten stattdessen die Harley-Davidson-Sportster-Familie bevorzugen
- Kräftiger gebaute Fahrer könnten mit der Softail-Baureihe besser zurechtkommen

Design und Motor: Der Milwaukee-Eight 114
Über den „114“-Motor, ein echtes technisches Meisterwerk aus Milwaukee mit Luft-Öl-Kühlung, habe ich bereits ausführlich geschrieben. Das Grundprinzip ist einfach: Für einen außenstehenden Betrachter sieht der Motor wie ein klassisches luftgekühltes Aggregat aus, tatsächlich verfügen die Zylinderköpfe jedoch über einen Ölkühlmantel. Alles ist geschickt getarnt — bis hin zum unauffälligen Kühler, der kaum ins Auge fällt.
Was den Stil angeht, ist die Breakout das harmonischste Modell im umfangreichen Softail-Programm. Harleys Designer übertreiben es mitunter bei der Jagd nach Verzierungen und „Girlanden“, doch bei meinem Testmotorrad wirkt alles klar und stimmig. Besonders stilvoll ist die minimalistische Instrumenteneinheit, die in der Querstrebe des Lenkers verborgen ist. Persönlich würde ich gern eine Variante mit Speichenrädern sehen, aber ich vermute, dass die Leute in Milwaukee bereits ganz genau wissen, was sie tun.

Unterwegs: Drehmoment, Klang und ein anderes Tempo
Allmählich versuche ich, mein Bewusstsein zu verändern. Oder verändert Harley es für mich? Der unverwechselbare Auspuffklang — das „Potato-Potato“ — des beinahe zwei Liter großen V-Twins und die nächste Salve von „Kugeln“ (meine Metapher für die Gangwechsel in diesem höhlenartigen Getriebe) lassen jeden Wunsch verschwinden, irgendwohin zu hetzen. Vor allem angesichts des 13,2-Liter-Tanks: Hier geht es um Stil, nicht um Reichweite.
Und inzwischen fühlen sich 110 km/h nicht mehr beschämend langsam an. Da bereits bei 3000 U/min 155 Nm Drehmoment anliegen, kann man schon bei 60 km/h in den sechsten Gang schalten, und der Motor zieht dennoch sauber durch. Natürlich lässt er sich auf Wunsch bis 180 km/h treiben, aber wozu? Zum ersten Mal in mehr als zwanzig Jahren auf Motorrädern wurde ich von einem Rollerfahrer überholt — und ehrlich gesagt störte mich das kein bisschen.

Motorvarianten und Kraftstoffverbrauch
Es ist interessant, darüber nachzudenken, wohin mich dieser Monat mit der Harley führen wird — sowohl fahrerisch als auch finanziell. Zum zweiten Punkt: Die Breakout ist für Fahrer, die einen günstigeren Einstiegspreis wünschen, auch mit dem etwas bescheideneren Milwaukee-Eight-107-Motor mit 1745 cm³ Hubraum erhältlich.
Nun muss ich mich nur noch für meine Sportstiefel „aus einer anderen Welt“ schämen, eine Lederweste aus der Perestroika-Zeit auftreiben, meine Ural entstauben — und den für eine derart auffällige Showmaschine überraschend moderaten Verbrauch festhalten: lediglich 7 Liter auf 100 km.
Harley-Davidson Breakout FXBRS: Die wichtigsten technischen Daten
- Länge: 2370 mm
- Breite am Lenker: 950 mm
- Sitzhöhe: 665 mm
- Radstand: 1695 mm
- Gabelwinkel/Nachlauf: 34° / 145 mm
- Rahmen: Stahl
- Fahrfertiges Gewicht: 305 kg
- Motor: Zweizylinder-V-Motor
- Bohrung/Hub: 102,0 / 114,3 mm
- Verdichtungsverhältnis: 10,5:1
- Hubraum: 1868 cm³
- Ventile: 8
- Maximale Leistung: 93,8 PS / 69 kW bei 4500 U/min
- Maximales Drehmoment: 155 Nm bei 3000 U/min
- Kraftübertragung: Sechsganggetriebe, Mehrscheibenkupplung im Ölbad, Riemenantrieb
- Vorderradaufhängung: Teleskopgabel, Rohre Ø 49 mm, 130 mm Federweg
- Hinterradaufhängung: Monofederbein mit einstellbarer Federvorspannung, 86 mm Federweg
- Vorderradbremse: Scheibe Ø 300 mm, Vierkolben-Bremssattel
- Hinterradbremse: Scheibe Ø 292 mm, schwimmend gelagerter Zweikolben-Bremssattel
- Vorderrad: 130/60-21″
- Hinterrad: 240/40-18″
- Tankinhalt: 13,2 Liter
- Kraftstoff: Benzin AI-95—98
Foto: Nikita Kolobanow
Dies ist eine Übersetzung. Den Originalartikel können Sie hier lesen: Showman: Harley-Davidson Breakout im Dauertest von Autoreview, Eintrag eins
Veröffentlicht Oktober 18, 2023 • 6 m zum Lesen