In der Regel steht unser Kollege Alex bei unseren Tests auf der anderen Seite der Kamera. Er ist „Regisseur und Kameramann” zugleich – ein seltener Spezialist, der beide Jobs gleichzeitig erledigt. Unser Alex ist ein Benzinkopf und lebenslanger BMW-Fan. Erst kürzlich hat er seinen 5er E61 Kombi gegen einen Diesel-7er mit kurzem Radstand getauscht. Als er mir also erzählt, dass der Marktneuling in diesem Vergleich, das Mercedes-Benz GLE 400d Coupé, eigentlich seine bevorzugte Wahl gegenüber dem BMW X6 M50d ist, bitte ich ihn um eine Erklärung. Als Mitglied der Generation, die alles mit Memes erklärt, schickt er mir statt Worten zwei Bilder.

Lassen wir die kleine Ungenauigkeit beiseite, zwei Tonnen schwere, sechsstellig teure Diesel-Crossover zu personifizieren – wenn wir beim Meme bleiben, bräuchten beide Typen noch 20 Jahre und 70 Kilo extra. Der eigentliche Punkt trifft aber den Nagel auf den Kopf: Das Hauptproblem des BMW X6 ist sein Design. Ich sage „Problem”, weil der 400-PS-X seinen Look als aggressiver, modebewusster Haudegen wirklich nur bei sehr hohen Geschwindigkeiten verdient – Geschwindigkeiten, die ein gewöhnlicher Besitzer selten bis nie ausreizen wird.
Fahrkomfort und Alltagstauglichkeit
Im Alltag macht der X6 M50d dem glamourösen, weich gefederten GLE in Sachen Plüschigkeit ernsthafte Konkurrenz. Er wiegt sich sanft über Bodenwellen und schluckt Fahrbahnunebenheiten mühelos, was die Frage aufwirft, wer hier eigentlich der „Mercedes” ist. Dank des aktiven Lenksystems von BMW braucht das Lenkrad beim Einparken nur etwa zweieinviertel Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag, und Fondpassagiere spüren, wie die Hinterräder zur besseren Manövrierfähigkeit leicht mitlenken.

Dies ist meine erste echte Erfahrung mit dem X6, und seine Vielseitigkeit ist eine angenehme Überraschung. Er fühlt sich fast wie zwei Autos in einem an:
- Die entspannte Seite: geschmeidig, einfach zu fahren, nur von großen Schlaglöchern aus der Ruhe zu bringen.
- Die aggressive Seite: straff und ansprungbereit, mit einem aufdringlichen, fast künstlich wirkenden Bariton-Motorklang aus den Lautsprechern.
Fährt man sanft auf den kleinen Turboladern, kann man entspannen. Tritt man den großen Hochdruckturbo durch, geht das Auto mit vollem Einsatz mit.
Der Charakter des GLE Coupé bleibt von Anfang bis Ende konstanter. Der Mercedes fühlt sich durchgehend einen Hauch straffer an – nie zu weich, sodass er nicht überrascht wird, wenn man schnell reagieren muss. Laut Racelogic-Messtechnik verliert er auf dem Sprint auf 100 km/h nicht mehr als eine halbe Sekunde gegenüber dem BMW und hält eine überraschend souveräne Linie in Kurven. Das erreicht er auf die altmodische Art, ohne die komplexe Mechatronik, auf die BMW setzt (adaptive Stabilisatoren, vollaktives Fahrwerk, elektronisch gesteuerte Differenzialsperre). Dadurch bleibt der Benz jederzeit souverän – sogar bei einer entspannten Fahrt zum Nagelstudio.

Innenraum, Platzangebot und Design
Um die etwas straffere Fahrt auszugleichen, bietet der GLE ein leichtgängiges Lenkrad, große Bildschirme und eine ausgereifte Bedienoberfläche. Seine Kabine verjüngt sich nicht sofort hinter den vorderen Säulen, sodass mehr Platz im Fond bleibt – sowohl auf der Rückbank als auch im Kofferraum. Auch äußerlich tritt der Benz dezenter auf. Er sieht im Grunde so aus, wie der X6 im entspannten Comfort-Modus aussehen könnte, bevor er die Muskeln spielen lässt, die Nüstern bläht, die Zähne zeigt und nach vorn schnellt. Die Mercedes-Designer landeten bei einem soliden, wenn auch etwas schwerfälligen und übertrieben harmlosen Look.
Motor, Getriebe und Leistung
Beide Autos verbergen ihre wahren Fähigkeiten. Hinter der aggressiven Außenhülle des BMW verbirgt sich ein sanfterer, gelegentlich unentschlossener Charakter – der Motor kann sich zwischen seinen sequenziellen Turboladern oder seinem Planetengetriebe „verheddern”, tut sich bei harter Beschleunigung mit sauberem Herunterschalten schwer und ruckt manchmal bei Hochschaltvorgängen. Das „Seifenstück” mit dem Stern dagegen kann so eifrig loslegen, dass man der Beifahrerin beim Versuch mitzuhalten gleich die halbe Make-up-Sammlung zerschmettern würde. Trotz der höheren Gangzahl reagiert der Mercedes berechenbarer auf Gaspedalbefehle und erreicht das maximale Drehmoment früher.
Kurzer Leistungsvergleich basierend auf Racelogic-Daten:
- BMW X6 M50d: 0–100 km/h in rund 5,5 Sekunden, mit einem fast exakten Tacho.
- Mercedes GLE 400d Coupé: 0–100 km/h in rund 6 Sekunden, mit einem sanfteren, gleichmäßigeren Start.
- Beide Autos verfügen über einen launch-control-ähnlichen Zwei-Pedal-Start, der bei rund 3.000 U/min einsetzt.

Warum ich trotzdem den BMW X6 M50d wählen würde
Das moderne BMW-Design ist nicht wirklich mein Geschmack. Trotzdem greife ich, wenn es darum geht, ein Auto für den Heimweg auszuwählen, zum Schlüssel des M50d. Hier ist der Grund:
- Das Lenkrad ist etwas schwergängiger, aber das Lenkgefühl wirkt deutlich natürlicher als das leichtgängige, künstlich gewichtete Setup bei Mercedes.
- Der Sitz verteilt den Druck spürbar gut, selbst auf längeren Fahrten.
- Die Blinkerhebel fühlen sich hochwertiger an, die Verarbeitung wirkt edler, und das Head-up-Display bleibt kompakt und unaufdringlich.
- Die Kabine ist leiser, teils dank optionaler Doppelverglasung (gegen happigen Aufpreis auch beim GLE erhältlich), teils dank besserer Isolierung gegen Motor- und Fahrgeräusche.
- Der adaptive Tempomat ist für Stop-and-go-Verkehr in der Stadt spürbar besser abgestimmt – der X6 verlangsamt sanft, ohne hinterher einen Tritt aufs Gaspedal zu benötigen, und es fehlt das Bremsbelagschleifgeräusch, das der GLE im Schritttempo macht.
Fondkomfort und Geländetauglichkeit
Wer regelmäßig im Fond mitfährt und Wert auf Geräusch- und Vibrationskomfort legt, für den ist der Mercedes der klare Gewinner. Der GLE meistert auch Bodenschwellen besser, mit weniger Risiko, mit dem Kopf an die Dachlinie zu stoßen. Was er nicht kann, ist die Stabilisatoren so zu entkoppeln wie der BMW, weshalb er bei unebenen Fahrbahnquerschnitten eher seitlich schaukelt. Fairerweise muss man sagen: Beide Crossover schaukeln einen auf ihre eigene Art – der Mercedes macht aus dir einen Wackelkopf, während der straffere Sitz des BMW die Bewegung größtenteils vertikal hält.

Verkaufszahlen und Marktposition
Meiner Meinung nach bietet der M50d für vergleichbares Geld ein breiteres Leistungsspektrum – und es ist kein Zufall, dass Käufer mit ihrem Portemonnaie deutlich häufiger für den X6 stimmen, wobei sich die leistungsstarken Dieselvarianten in den hohen Hunderten verkaufen. Allerdings liegen mir nur unterjährige Daten vor: Mercedes hält die aktuellen Verkaufszahlen bis Jahresende zurück. Es scheint, als versuchten die Hersteller, negative Schlagzeilen in einem schrumpfenden Markt zu vermeiden, doch Geheimniskrämerei lässt die Dinge eher schlechter als besser aussehen. Es ist offensichtlich, dass der GLE C167 bislang kaum Schwung aufgebaut hat, und vieles deutet darauf hin, dass sich das so schnell nicht ändern wird.
Warum wirkt der vergleichsweise seltene Nischen-Mercedes also trotzdem wie die berechenbare Standardwahl? Weil er für einen konservativen Käufer gebaut ist, der die Entscheidung nicht überdenken will. Schaut euch nur an, was aus dem Online-Konfigurator von Mercedes geworden ist – die Ausstattungsbeschreibungen lesen sich wie Versprechen auf ein besseres Leben, gleichermaßen amüsant wie deprimierend. Der typische Käufer betritt einfach einen Premium-Showroom und greift zu einem vertrauten Standard. Das ist in Ordnung, wenn es sich um eine quasi unvermeidbare Wahl wie die S-Klasse oder einen konkurrenzlosen G-Klasse handelt. Doch der GLE ist nicht wirklich eine „Standard”-Wahl. Trotz seines freundlichen Designs und des frischen Multimediasystems reicht er nicht aus, um die Konkurrenz komplett zu übergehen.
Umstieg von einem älteren Mercedes GLE
Trotzdem hat sich unser Benzinkopf Alex letztlich für den Mercedes entschieden. Und mehrere Kommentatoren in meinen sozialen Netzwerken bestehen darauf, dass sie von ihrem X der Vorgängergeneration auf das neue GLE Coupé umsteigen. Wie stark verbessert sich die Lebensqualität also tatsächlich beim Wechsel von einem alten zu einem neuen Mercedes? Wer diesen Schritt schon gegangen ist, kann gerne seine Erfahrungen in den Kommentaren teilen. Es ist nicht so, dass das auslaufende C292-Modell mit der Ankunft des neuen C167 plötzlich gealtert wäre – zumindest nicht optisch. Aber jetzt zeigt sich deutlich, wie veraltet sein Innenraum im Vergleich wirkt.

Wie sich der X6 weiterentwickelt hat
Es wäre übertrieben zu behaupten, der X6 habe im Vergleich zu seinem Vorgänger einen dramatischen Sprung in der Fahrdynamik gemacht. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass BMW in diesem Segment kräftiger nach vorn drängt und schneller iteriert als Mercedes. Ich wollte gerade sagen, der X6 setze den Maßstab für Hatchback-Crossover – doch dann erinnerte ich mich an Audis SQ8 mit 900 Nm und Achtzylinder. Kein Gespräch über Super-Diesel-Performance-SUVs ist ohne Audi vollständig.
Gemeinsame Stärken und gemeinsame Schwächen
Die beiden Autos haben tatsächlich vieles gemeinsam – tauschte man ihre Karosserien, wirkte das Ergebnis vollkommen natürlich. Sogar ihre Schwächen überschneiden sich:
- Eingeschränkte Sicht und Empfindlichkeit gegenüber Fahrspurrillen.
- Gescheiterte Ambitionen, ein echter „digitaler Knotenpunkt” auf Rädern zu werden.
- Generelle Käuferskepsis gegenüber Langzeitzuverlässigkeit und Händlerservice – es scheint, niemand ist mehr wirklich zufrieden mit Verarbeitungsqualität und Service, abgesehen von Lexus-Besitzern und den wenigen Glücklichen mit störungsfreien Land Rovern.

Fazit
Es geht hier also nicht wirklich um ein Plädoyer für BMW gegenüber Mercedes – es ist ein Plädoyer dafür, so viele Optionen wie möglich Probe zu fahren, bevor man sich für ein Auto entscheidet. Fordert euch selbst heraus, auch gegen den eigenen ästhetischen Instinkt, und vermeidet den ausgetretenen Pfad, von Benz zu Benz oder von Bimmer zu Bimmer zu wechseln. Das richtige Auto für euch findet sich nicht immer dort, wo man es erwarten würde. Und selbst wenn die Suche euch am Ende wieder zum Ausgangspunkt zurückbringt, versteht ihr eure eigenen Vorlieben besser – und die Wahl fühlt sich persönlicher an.
Dies ist eine Übersetzung. Das Original könnt ihr hier lesen: https://www.drive.ru/test-drive/bmw/mercedes/5f7dbf1aec05c4627e000020.html
Veröffentlicht August 18, 2022 • 9 m zum Lesen