Jedes Jahr könnten Tausende von Leben gerettet werden, wenn Rettungsdienste schneller an Unfallorten eintreffen würden. Das eCall-System — eine seit 2018 in allen Neuwagen vorgeschriebene EU-Sicherheitstechnologie — soll genau das ermöglichen. Aber wie funktioniert es, und was bedeutet es für Fahrer in Europa und im Vereinigten Königreich?
Was ist eCall und wie funktioniert es?
eCall ist ein automatisches Notrufsystem, das in allen in der Europäischen Union verkauften Neuwagen vorgeschrieben ist. Wenn ein schwerer Unfall passiert, kontaktiert das System sofort die Rettungsdienste — selbst wenn der Fahrer bewusstlos ist oder selbst keinen Anruf tätigen kann.
Ein eCall-Alarm kann auf zwei Arten ausgelöst werden:
- Automatisch — das Gerät erkennt einen Aufprall und sendet ein Notfallsignal ohne jegliche Eingabe des Fahrers
- Manuell — der Fahrer oder ein Mitfahrer drückt einen dedizierten SOS-Knopf im Fahrzeuginnenraum
Nach der Aktivierung wählt das eCall-Gerät die einheitliche europäische Notrufnummer 112, öffnet einen Sprachanruf über die eingebauten Mikrofone des Fahrzeugs und übermittelt die genauen GPS-Koordinaten des Fahrzeugs. So kann Hilfe schnell entsandt werden — auch in abgelegenen Gebieten ohne Zeugen in der Nähe.
Welche Daten erfasst und überträgt eCall?
Datenschutzbedenken hinsichtlich Fahrzeugtechnologie sind verständlich, aber eCall ist darauf ausgelegt, nur die minimal notwendigen Daten zu erfassen, um Rettungskräften zu helfen. Bei Aktivierung sendet das System:
- Fahrzeugtyp und -marke
- Die genaue GPS-Position des Unfalls
- Die Fahrtrichtung zum Zeitpunkt des Vorfalls
Es ist wichtig zu beachten, dass eCall nicht dasselbe ist wie die Blackbox eines Autos, die kontinuierlich alle Fahrdaten aufzeichnet. Das eCall-Gerät wird nur im Notfall aktiviert, und alle übermittelten Daten werden automatisch gelöscht, sobald sie nicht mehr benötigt werden.
Die lebensrettende Wirkung von eCall: Wichtige Statistiken
Laut Straßenverkehrssicherheitsexperten hat eCall das Potenzial, die Opferzahlen in Europa erheblich zu reduzieren. Zu den prognostizierten Vorteilen des Systems gehören:
- Eine 40%ige Reduzierung der Notfall-Reaktionszeiten in städtischen Gebieten
- Eine 50%ige Reduzierung der Notfall-Reaktionszeiten in ländlichen Gebieten
- Eine potenzielle 4%ige Reduzierung tödlicher Verkehrsunfälle
- Eine potenzielle 6%ige Reduzierung schwerer Verletzungen durch Verkehrsunfälle
Die Kosten für die Installation der eCall-Technologie wurden zunächst auf etwa £70 pro Neuwagen geschätzt — eine Zahl, die voraussichtlich sinken wird, wenn die Technologie universell wird. Es wird allgemein erwartet, dass Automobilhersteller diese Kosten übernehmen, damit der Dienst für Fahrer kostenlos bleibt.
Wann wurde eCall zur Pflicht?
Die eCall-Initiative trat offiziell am 1. April 2018 in Kraft. Ab diesem Datum mussten alle in der EU eingeführten neuen Fahrzeugmodelle standardmäßig mit eCall-Technologie ausgestattet sein. Dies folgte einer Abstimmung des Europäischen Parlaments im Jahr 2015 und mehreren Jahren der Vorbereitung durch Hersteller und Rettungsdienste.

Notrufleitstellen — auch bekannt als PSAPs (Public Safety Answering Points) — mussten ebenfalls ihre Infrastruktur aufrüsten, um eingehende eCall-Übertragungen verarbeiten zu können, wobei die EU-Kommission den 1. Oktober als Frist für diesen Rollout festlegte.
eCall und das Vereinigte Königreich: Was hat sich nach dem Brexit geändert?
Das Verhältnis des Vereinigten Königreichs zu eCall wurde durch seinen Austritt aus der Europäischen Union kompliziert. Während das System in der EU eingeführt wurde, war die politische Unterstützung für die Initiative im Vereinigten Königreich gemischt. Die frühere britische Verkehrsministerin Claire Perry erklärte bezeichnenderweise, dass sie die Maßnahme nach der Abstimmung des Europäischen Parlaments 2015 nicht unterstütze.
Einige Hersteller hatten bereits vor der obligatorischen Frist eigene Notrufsysteme integriert. Beispiele hierfür sind:
- Vauxhall OnStar — standardmäßig bei ausgewählten Modellen und als optionale Zusatzausstattung bei anderen angeboten
- Volvo On Call — als vernetzte Sicherheitsfunktion für verschiedene Volvo-Modelle verfügbar

Trotz des Austritts aus der EU im Januar 2020 hat das Vereinigte Königreich die eCall-Anforderungen für Neufahrzeuge durch eigene Post-Brexit-Fahrzeugtypgenehmigungsvorschriften beibehalten. In Großbritannien verkaufte Neuwagen müssen weiterhin gleichwertige Sicherheitsstandards erfüllen, was bedeutet, dass eCall-Funktionalität ein fester Bestandteil des britischen Automobilmarktes bleibt — auch außerhalb der EU-Gerichtsbarkeit.
Hat Ihr Auto bereits eCall?
Wenn Sie nach April 2018 einen Neuwagen in der EU oder im Vereinigten Königreich gekauft haben, ist Ihr Fahrzeug sehr wahrscheinlich bereits mit eCall-Technologie ausgestattet. Suchen Sie nach einem SOS-Knopf — in der Regel in der Nähe des Rückspiegels oder an der Dachhimmelkonsole — als Zeichen dafür, dass das System aktiv ist.
Da die Straßenverkehrssicherheitstechnologie weiter voranschreitet, sticht eCall als einer der unkompliziertesten, aber wirkungsvollsten Schritte hervor, die unternommen wurden, um die menschlichen Kosten von Verkehrsunfällen in Europa zu reduzieren. Im besten Fall könnte es den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.
Veröffentlicht Juli 22, 2021 • 5 m zum Lesen